InterKulturGarten Pfaffenhofen an der Ilm

Die Metamorphose des Bunkergartens in den InterKulturGarten

Im Herbst 2012 bildete sich die Gestaltungsgemeinschaft InterKulturGarten Pfaffenhofen an der Ilm. Sie verfasste eine Konzeptbeschreibung, die sie der Stadt vorlegte. Darin steht:

„Präambel: Der InterKulturGarten Pfaffenhofen an der Ilm ist ein Gestaltungsprojekt in Kooperation. Er ist offen für alle Kulturen. Der InterKulturGarten fördert Verstehen und dient dem interkulturellen Austausch. Der InterKulturGarten ist und lebt Inklusion. Jeder Mensch wird in seiner Individualität akzeptiert und hat die Möglichkeit am InterKulturGarten Pfaffenhofen an der Ilm mitzuwirken und/oder teilzuhaben. Im InterKulturGarten Pfaffenhofen an der Ilm gelten Konzeption und Ethik der Permakultur.“

Und: „Im Sinne der Präambel werden im InterKulturGarten Pfaffenhofen an der Ilm in Absprache festgelegte Parzellen an Einzelpersonen und Gruppen vergeben:

  • zum Eigenanbau
  • die ihre Ernte zu bestimmten Zeiten der Öffentlichkeit freigeben
  • die mit Zielgruppen Kunstprojekte realisieren

Start für die ersten konkreten Projekte war 2013. Als Zwischenetappe gilt die Kleine Landesgartenschau im Jahr 2017 in Pfaffenhofen. Bis dahin soll der InterKulturGarten ein weiteres vorzeigbares Gestaltungsprojekt von Bürgern und Bürgerinnen der Stadt werden. Ganz im Sinne von „NATUR IN DER STADT PFAFFENHOFEN 2017“.

Anfang 2013 wurde zwischen der Eigentümerin des „Bunkergeländes“, der städt. Hl. Geist- und Gritsch’schen Fundationsstiftung, und der Gestaltunggemeinschaft ein Nutzungsvertrag vereinbart, der die Realisierung eines InterKulturGarten nach der vorgelegten Konzeptbeschreibung ermöglicht.

Die erste offizielle Pflanzung im neu entstandenen InterKulturGarten Pfaffenhofen an der Ilm ist am 22.06.2013 erfolgt. Bei bestem Pflanzwetter – am Vormittag nieselte leichter Landregen vom Himmel, ab Mittag schien die Sonne – fanden sich an diesem Tag Mitglieder der Gestaltungsgemeinschaft InterKulturGarten und eingeladene Gäste auf dem Gelände am Heimgartenweg zum symbolischen und feierlichen Pflanzungsakt ein.

Birgit Kögler begrüßte insbesondere die damalige 3. Bürgermeisterin Monika Schratt, Walter Karl, Geschäftsführer Natur in Pfaffenhofen a. d. Ilm 2017 und Stadtkämmerer Rudolf Koppold. Weiter informierte sie über die schon in kurzer Zeit sehr ansehnliche und zahlreiche Zusammensetzung der Gestaltungsgemeinschaft, die sowohl aus Einzelpersonen, als auch aus den Organisationen Soziale Skulptur HALLERTAUER, der die Gesamtkoordination obliegt, Internationaler Kulturverein Pfaffenhofen, Bund Naturschutz mit der Ortsgruppe Pfaffenhofen, Familia Sozialeinrichtungen, mobile ev, Obst- und Gartenbauverein Pfaffenhofen a. d. Ilm, PSG ilm (Initiative Lebensmut), Freundschaft für Valjevo e. V. Vogelliebhaber- und Vogelschutzverein Pfaffenhofen/Ilm e.V., Natur in Pfaffenhofen a. d. Ilm 2017 GmbH und Stadt Pfaffenhofen an der Ilm besteht.

22.06.2013: 1. offizielle Pflanzung: Stehend v.l.n.r. Carmen Pietsch, Walter Karl, Geschäftsführer Natur in Pfaffenhofen a. d. Ilm 2017, Manfred Mensch Mayer, Birgit Kögler bei ihrer Eröffnungsansprache und der Korbiniansapfelbaum. Foto: Nikolaus Buhn

Manfred“Mensch“Mayer von der Sozialen Skulptur HALLERTAUER klärte in seiner Ansprache sehr deutlich den Begriff InterKulturGarten, nachdem die Gestaltungsgemeinschaft ihr gesamten Tun und Wirken ausrichtet. Die Bezeichnung „Inter“ wird nach deren Verständnis – im Unterschied zu herkömmlichen Interkulturellen Gärten – so verstanden, dass nicht nur alle Menschen mit Migrationshintergrund mit sogenannten Einheimischen zusammen kommen können, sondern es sind alle Menschern, mit jeglichen besonderen Bedürfnissen gemeint, sei es in seelischer, geistiger und körperlicher Hinsicht. Also quasi grundsätzlich alle Menschen ohne Ausnahme. Im InterKulturGarten wird somit ein Ort geschaffen, in dem Inklusion eine Selbstverständlichkeit ist.

In jedem Menschen, so Mayer, ist das Bedürfnis zu gestalten angelegt. Wer gestaltet verwirkliche sich selbst. Für das Gemeinschaftsprojekt Garten bedeutet das, in Beziehung mit Anderen - als Teil der Natur mit der Natur - gemeinsam zu gestalten. Gemeinsam meint nicht nur mit anderen Menschen, sondern natürlich auch mit Tieren und Pflanzen.

Zu dem merkte Mayer an, dass ein alleiniges Berufen auf den Migrationshintergrund als etwaiges Auswahlkriterium zu kurz ziele, da die Wiege der Menschheit – also von uns allen – nachweislich in Afrika stand. Also sind wir - so betrachtet - per se alle Afrikaner und somit alle miteinander entfernte Geschwister. Der InterKulturGarten soll Raum und Platz bieten diese Geschwisterlichkeit in Gleichheit und in Freiheit in beschützter und vorbereiteter Umgebung auch zu leben.

Rein geschichtlich betrachtet ist der Platz des InterKulturGartens, laut Mayer, allerdings vorbelastet. Der Garten wurde zur Tarnung in Zeiten des kalten Krieges über einem vermeintlich atombombensicheren im Grundriss ca. 50 x 30 m großen Fernmeldebunker mit durchgehend 3 m dicken Außenwänden zur Tarnung angelegt. Die Bauzeit der hermetisch abgesperrten und streng bewachten Gesamtanlage war von 1960 – 1965. Bis Ende der 1990iger Jahre lief der Betrieb.

Der InterKulturGarten Pfaffenhofen an der Ilm steht – ob er will oder nicht - in einem historischen Gesamtzusammenhang. Im Kalten Krieg zur Tarnung eines atombombensicheren Bunkers gebaut, war er bisher eigentlich nur zweckentfremdet. Denn er war lediglich nur eine oberirdische Täuschung. Ab jetzt darf der Garten nur Garten sein und seiner eigentlichen Bestimmung nachgehen. Nicht Soldaten in Bereitschaft oder gar im Krieg werden telefonisch verbunden, sondern gestalterisch tätige Menschen. Die Gestaltungsgemeinschaft schafft somit eine wirkliche und sinnvolle Enttarnung des Geländes und die Umwandlung von der einstigen militärischen Nutzung zum heutigen friedlichen gemeinsamen Gestalten - einschließlich der Öffnung eines Platzes zum Natur-Erleben und In-der-Natur-Verweilen fast mitten in der Stadt.

Manfred“Mensch“Mayer: „Wir tragen dem Gesamtzusammenhang Rechnung und setzen symbolhaft als erste offizielle Pflanzung im InterKulturGarten einen Korbiniansapfelbaum.“ Der Namen des Baumes geht auf Korbinian Aigner (1885 – 1966) zurück, den Pomologen, also Obstkundler und –züchter, und Pfarrer,  der ganz in der Nähe in der Freisinger Gegend und auch in Scheyern gewirkt hat.

Aigner, der auch Apfelpfarrer genannt wurde, zeichnete rund 900 Aquarelle von Apfel- und Birnensorten zur Sortenbestimmung im Obstbau. 402 davon waren 2012 Teil weltweit bedeutendsten Ausstellung für zeitgenössische Kunst der documenta (13) in Kassel. In seinen Predigten und im Religionsunterricht wandte er sich eindeutig gegen den Nationalsozialismus. Dies führte dazu, dass er 1939 zuerst ins Gefängnis kam, um dann schließlich im Konzentrationslager Dachau inhaftiert zu werden. Trotz Verbot züchtete er dort die neuen Apfelsorten KZ 1, KZ 2, KZ 3 und KZ 4. Die Sorte KZ 3 blieb bis heute erhalten und wurde zu seinen Ehren an seinem 100. Geburtstag in Korbiniansapfel umbenannt.

Die Gestaltungsgemeinschaft will auch eine notwendige Namensumbenennung vornehmen, denn wie Joseph Beuys schon sagte: „Name = Adresse“. Begriffe sind zu hinterfragen. InterKulturGarten am Heimgartenweg anstatt Bunkergelände soll deshalb für die Zukunft gelten.

Zum Abschluss sprach Manfred“Mensch“Mayer eine sehr spezielle Annahme aus: „Wenn wir uns zum 100-jährigen Jubiläum hier wieder treffen – in welcher Erscheinungsform auch immer – wird die neue Adresse allen Pfaffenhofener mit Sicherheit klar und bekannt sein. InterKulturGarten am Heimgartenweg! Die Begrifflichkeiten, die in diesen Namen stecken, sind uns Auftrag und wir werden sie hier mit Leben füllen!“

Zur ersten offiziellen Veranstaltung dem „Picknick im Paradies-(Garten)“ am 06.07.2013, die im Rahmen der städtischen Paradiesspiele stattfand, konnten sehr erfreuliche 150 BesucherInnen im InterKulturGarten begrüßt werden.

06.07.2013: 1. Picknick im ParadiesGarten mit umfangreichem Rahmenprogramm.

Pünktlich zum Anfang der Gartensaison 2014 wurden schließlich die ersten Parzellen zum Eigenanbau von Gemüse vergeben. Die erste Parzelle ging an die siebenköpfige Familie Francis. Daniela Francis kommt aus Kroatien und ihr Mann aus Nigeria. Die anderen Parzellen fanden Menschen mit folgendem Migrationshintergrund: Afghanistan, Kasachstan, Syrien, Türkei, Russland. Dazu kommen noch zuagroaste Preissn und waschechte Bayern! Mit Stand September 2014 sind 22 Parzellen vergeben. Es wächst!

12.04.2014: Die erste Parzelle im InterKulturGarten ist vergeben an die siebenköpfige Familie Francis. Daniela Francis kommt aus Kroatien und ihr Mann aus Nigeria. V.l.n.r.: Rachel, Mark, Joel und Daniela Francis, Brigitte Beckenbauer, Anna-Elisabeth Mayr und Nikolaus Buhn von der Gestaltungsgemeinschaft InterKulturGarten.